Symbolbild Datenauswertung: Auf einem Tabletbildschirm und verschiedenen Papieren sind Tabellen und Diagramme zu sehen

BNE-Bildungsbericht der Stadt Freiburg

Interview mit Hartmut Allgaier, Leiter der Stabsstelle Bildungsmanagement in Freiburg.

Die Stadt Freiburg wird in einigen Wochen ihren ersten BNE-Bildungsbericht veröffentlichen. In einem Interview im Rahmen der Veranstaltung „BNE-Monitoring: Möglichkeiten und Grenzen der Berichterstattung zu BNE im kommunalen Kontext“ am 26. April 2022 berichtete der Leiter der Stabsstelle Bildungsmanagement, Hartmut Allgaier, über den mehrjährigen Prozess der Erstellung des thematischen Berichtes und die Unterschiede zu den bisherigen Bildungsberichten der Stadt. Die Fragen stellte Dr. Angela Firmhofer.

Herr Allgaier, die Stadt Freiburg bringt in Kürze Ihren fünften Bildungsbericht heraus. Das Besondere: der Bericht widmet sich speziell dem Thema BNE. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich des Themas BNE im Monitoring angenommen haben?

Zwei Gründe waren der Antrieb: Es gab im Bildungsmonitoring zuvor das Thema non-formale Bildung, für das auch die Bürgerbefragung genutzt wurde. Dabei wurde der Bedarf gesehen dem Thema non-formale Bildung noch mehr Raum zu geben und wir haben es dann verknüpft mit dem – bereits existierenden – Handlungsfeld BNE. Das Handlungsfeld lag zuvor brach, da es keine Daten dazu gab und auch Schwierigkeiten in der Zuständigkeit. Der fünfte Bildungsbericht sollte genau diese Lücke schließen.

Was wollen Sie mit dem Bericht zeigen?

Die Grundidee hat sich im Laufe des Prozesses entwickelt und stark verändert, es war ein evolutionärer Prozess. Begonnen wurde bereits 2018 und der besagte evolutionäre Prozess war dabei genauso wichtig wie das Ergebnis.

Hartmut Allgaier zeigt Folien, um das Vorgehen in Freiburg besser darstellen zu können.

Im Dezember 2018 begann die Konzeption des Berichtes mit einer Beiratssitzung.

Der Start war eine Sitzung des Beirats Freiburger Bildungsmanagement*. Daran nahmen ca. 35-40 Personen teil, die einen Querschnitt der Bildungslandschaft im Sinne des Lebenslangen Lernens abbilden. Sie wurden gefragt, was aus ihrer Sicht im Handlungsfeld BNE wichtig und von Interesse wäre: Wo liegt also das Erkenntnisinteresse der Akteure selbst?
Daraus entstand eine lebhafte und intensive Diskussion, die sich auch der Frage widmete, inwiefern ein solches Vorhaben überhaupt leistbar ist. Auf diesem Weg wurden erste Impulse für das Erkenntnisinteresse generiert.

[ * In diesem Beirat sitzen Vertreter:innen aus Verwaltung (Amtsleitungen), Bildungseinrichtungen entlang der Bildungsbiografie, Stiftungen, NGOs, Stadtjugendring und Offene Kinder- und Jugendarbeit, Staatlicher Schulverwaltung und Hochschule. (Anm. d. Red.)]

Zunächst haben wir versucht, uns wie üblich an der nationalen Bildungsberichterstattung zu orientieren und sind damit gnadenlos auf die Nase gefallen. (lacht)
Besonders hilfreich war vor diesem Hintergrund die Zusammenarbeit mit einer Expertengruppe, der u.a. Prof. Gerhard De Haan vom Institut Futur und Prof. Werner Rieß von der Pädagogischen Hochschule Freiburg angehörten. Dort haben wir das Standard-Konzept zunächst vorgestellt. Die Expert:innen haben es jedoch abgelehnt und stattdessen eine Konzeption angeregt, die von Anfang an eine intensive Einbeziehung der Bürger:innen und der BNE-Akteurslandschaft insgesamt vorsah.

Schließlich wurden die Indikatoren „BNE verorten“, „BNE denken“, „zu BNE befähigen“, „BNE leben“ gebildet. Sie werden – wenn auch nicht im Wortlaut – auch die Kapitelstruktur des Berichtes bilden.

Bei „BNE leben“ – haben wir die Freiburger:innen nach der Bedeutung von Nachhaltigkeit im Alltag gefragt und wie sie mit dem Thema  bisher in Berührung kamen. Insbesondere Jugendliche haben wir als wichtige Gruppe identifiziert. Daher haben die Zukunftswerkstätten, die wir zu diesem Thema – coronabedingt digital – veranstaltet haben, einen besonderen Fokus auf Jugendliche gelegt. Die Zukunftswerkstätten bildeten die Datengrundlage für den Indikator „BNE denken“.

Mit einer eine Netzwerkanalyse haben wir untersucht, wie in der Stadt BNE bereits „verortet“ und wer wie mit wem vernetzt ist.

Für das vierte Thema haben wir nach Befähigungsformaten und Bildungsangeboten gefragt, die es braucht, um zu einer nachhaltigen Lebensweise zu kommen. Für den Indikator „zu BNE befähigen“ haben wir ein Bürgerinnengutachten mit Planungszellen mit der „Gesellschaft für Bürgergutachten“ durchgeführt.

Wieviel Zeit, Personen etc., also welche Ressourcen sind in den Bericht geflossen?

Wir haben sehr viel Zeit für das Konzept an sich und das Akzeptanzmanagement gebraucht. Im Rahmen dieser Konzeptionsarbeit hat sich eine Arbeitsgruppe konstituiert. Die meiste Zeit hat aber die Stabsstelle Freiburger Bildungsmanagement investiert. Schätzungsweise 50 % ihrer Arbeitszeit war die Monitoringstelle damit beschäftigt, die einen Gesamtumfang von 80 % (VZÄ) hat. Zusätzlich habe ich selbst daran mitgearbeitet.
Selbst erhobene Daten und partizipative Formate zur Erhebung der Daten waren ein zentraler Zeitfresser, aber enorm wichtig. Die Organisation der Planungszellen im Rahmen des Bürgerinnengutachtens lag in Abstimmung mit der „Gesellschaft für Bürgergutachten“ komplett bei mir.

Ursprünglich sollte der Bericht 2021 erscheinen. Corona hat die Prozesse zusätzlich ausgebremst.

Welche Fallstricke gab es bei der Arbeit an dem Bericht? Und was hat zum Erfolg geführt?

Besonders wichtig ist es, die politische Ebene für das Vorhaben zu gewinnen. Auch darüber hinaus gilt: Gemeinsam statt einsam. Suchen Sie sich Partner:innen und Verbündete als Fürsprecher:innen.

Einen solchen Bericht zu erstellen ist kein billiges Experiment. Teilweise sind wir mit einer gewissen Naivität gestartet. Wichtig war in unserem Fall die Expertengruppe für die Konzeption. Mit ihrer Hilfe konnten wir unsere „Verwaltungsdenke“ leichter verlassen und auf die Ressource der Bürger:innen zugreifen.

Wie unterscheidet sich der BNE-Bildungsbericht von den bisherigen Bildungsberichten?

Es ist ein thematischer Bericht, er ist ganz anders aufgebaut. Im Vergleich zu den vorherigen Bildungsberichten beinhaltet der BNE-Bildungsbericht nur etwa ein Prozent der Charts. Das heißt wir haben hauptsächlich qualitative Daten und weniger quantitative Daten erhoben.

Gibt es spannende/überraschende Erkenntnisse?

Mich hat die hohe Bedeutung des Themas bei den zivilgesellschaftlichen Akteur:innen und Bürger:innen überrascht. Potential für weitere positive Entwicklungen haben wir bei der Netzwerkanalyse ausgemacht. Da war ich von einer stärkeren Vernetzung der Akteur:innen ausgegangen, als wir beobachtet haben.
Die Befragung zum Wissen über (B)NE in Schulen und weiteren klassischen Bildungsinstitutionen zeigte, dass das Thema grundsätzlich stattfindet, aber ohne systematische (fachübergreifende) Bearbeitung. Dadurch finden in der Regel auch keine Verhaltensänderungen bei den Adressat:innen statt. Durch institutionelle Einrichtungen wurden somit weniger Effekte erzielt, als durch themenspezifische Fortbildungen zu BNE. Ebenso spielt die Peergroup und insbesondere die Familie eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, seine eigene Lebensweise nachhaltiger zu gestalten.

Haben Sie einen Tipp für unsere Zuhörer:innen? Wie fängt man ganz konkret an, wenn man jetzt loslegen möchte?

Schaffen Sie eine Übersicht über die Angebote, die es in der Kommune gibt. Das kann schon ein erster „kleiner Bericht“ sein. Gemeinsam mit Beteiligten anderer Ämter können Sie sich diesen anschauen und gemeinsam diskutieren, wie es weitergehen könnte. Wir in Freiburg haben das Rad neu erfunden, da ausreichend Ressourcen da waren; sollte das nicht der Fall sein, könnte man so beginnen.

Und noch ein Tipp: Denken sie nicht nur an das Produkt! Der Prozess ist genauso wichtig. Das ist auch die Differenz zum klassischen Bericht: Der BNE-Bericht soll viel stärker auch Bürger:innen einbeziehen und erreichen.

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Bild von Hartmut Allgaier, Leitung Bildungsmanagement der Stadt Freiburg

Hartmut Allgaier

Leitung Stabsstelle Bildungsmanagement, Stadt Freiburg

 

Die anschließende Diskussion beleuchtete noch weitere Aspekte.

Ein Teilnehmer betonte, dass die Außendarstellung der BNE-Angebote fast noch wichtiger ist als die Berichterstattung, um BNE zu verbreiten. Er warb dafür, dass die Kommunen Informationen zu BNE-Aktivtäten leicht zugänglich machen und dem Thema mehr Präsenz geben.

Ein anderer Teilnehmer stellte die Rückfrage, wie in Freiburg die Jugendlichen erreicht wurden und wie die Beteiligung in der Praxis war? Herr Allgaier räumt ein, dass die Jugendbeteiligung nicht einfach war. Zwar waren von Anfang an das Jugend- und Kinderbüro eingebunden und in Präsenz hätte das vermutlich auch gut geklappt. Pandemiebedingt musste jedoch auf digitale Formate ausgewichen werden und die digitale Beteiligung war unerwartet schwer zu erreichen. Prof. Gerhard de Haan, der mit der Aufgabe betraut war, musste fünf bis sechs Mal nachfassen, um eine belastbare Zahl an Aussagen zu sammeln.

Auf die Rückfrage, ob sich durch die Zusammenarbeit an dem Bericht in und außerhalb der Verwaltung etwas verändert hat und gegebenenfalls Kooperationen entstanden sind, antwortete Herr Allgaier, dass neue Akteure sichtbar geworden sind, die nun besser eingebunden werden können. Es gäbe also ein differenzierteres Bild der Bildungslandschaft. Auffällig war dabei auch, das Schulen nicht so aktiv sind, wie erwartet. Zumindest haben sie vergleichsweise geringe Rückmeldungen der Schulen erhalten, obwohl diese oft als Kooperationspartner benannt wurden.

Eine weitere Teilnehmerin interessierte, ob die Veränderung in der Konzeption, genauer gesagt der qualitative Zugang des Berichts in Freiburg zu Irritationen geführt habe? Tatsächlich sei die Politik zunächst etwas besorgt gewesen auf wichtige Kennzahlen aus dem schulischen Bereich für weitere Planungen verzichten zu müssen, berichtete Allgaier. Die Lösung bot der Schulentwicklungsbericht. Er hat dann Teile des Bildungsberichtes, d.h. klassische Kennzahlen zu Schulen, abgebildet.
Abschließend lasse sich die Frage aber erst beantworten, wenn der BNE-Bericht im Sommer erschienen ist. Dafür arbeite man nun an einem Kommunikationskonzept für den Bericht. Die Herausforderung ist, dass es in dem abstrakten Feld von BNE möglichst konkrete Darstellungen benötigt, um Schlüsse ziehen zu können. Daher braucht es zu diesem Bericht mehr Kommunikation und Interpretation als sonst, insbesondere für die Zielgruppe der Politik.

03. Juni 2022 | Antje Müller
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