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Was charakterisiert ein BNE-Bildungsangebot?

Grundbegriffe kurz erklärt:
Viele Bildungsangebote beschäftigen sich mit Themen der nachhaltigen Entwicklung. Sind sie damit schon BNE-Bildungsangebote?

Ausgangspunkt einer Bildung für nachhaltige Entwicklung ist die Überlegung, dass nachhaltige Entwicklung ein Prozess und kein Zustand ist. Was es konkret bedeutet so zu handeln, dass sichergestellt werden kann, dass die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation auf unseren Planeten befriedigt werden können „ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können" (Hauff 1987, S. 47), ist somit stets neu zu bestimmen und kollektiv auszuhandeln. Es handelt sich somit um einen „gesellschaftliche[n] Lern-, Verständigungs- und Gestaltungsprozess, der erst durch die Beteiligung möglichst Vieler mit Ideen und Visionen gefüllt und vorangetrieben werden kann“ (Rieckmann 2021, S. 10). Die Menschen für diesen Prozess zu befähigen, ist Kernziel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es kann also nicht nur um die Vermittlung von Wissen zu Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiger Entwicklung gehen, sondern auch um die Ermöglichung des Kompetenzaufbaus, um „an der zukunftsfähigen Gestaltung der Weltgesellschaft aktiv und verantwortungsvoll mitzuwirken und im eigenen Lebensumfeld einen Beitrag zu einer gerechten und umweltverträglichen Weltentwicklung leisten zu können“ (de Haan 2002, S. 14/15).

Doch wie muss ein Bildungsangebot aussehen, damit diese Bildungsziele erreicht werden können? Mittlerweile gibt es verschiedene Konzepte zur Charakterisierung von BNE-Bildungsangeboten (vgl. z.B. Künzli David/Kaufmann-Hayoz 2008; Rieckmann 2021). Vier Prinzipien werden neben anderen immer wieder genannt: Lernen von Zusammenhängen (vernetzendes Lernen), der Fokus auf die Entwicklung von positiven Visionen (Visionsorientierung), die Ermöglichung des Erwerbs von Kompetenzen (Handlungs- und Reflexionsorientierung) sowie die Ermöglichung von Mitgestaltung durch die Lernenden (Partizipationsorientierung).

Vernetztes Lernen: Die ökologische, soziale, kulturelle und ökonomische Dimension von Entscheidungen sind nicht immer übereinzubringen. Dabei besteht ein Zusammenhang der Auswirkungen einer Entscheidung auf lokaler und globaler Ebene ebenso wie für aktuelle und für künftige Generationen.

Vernetzendes Lernen

Nachhaltige Entwicklung ist nur möglich, wenn die Bereiche des Sozialen, des Kulturellen, des Ökologischen und des Ökonomischen zusammen gedacht und behandelt werden (vgl. Nachhaltigkeit als Leitbild). Veränderungen in einem Bereich haben häufig Effekte in einem anderen Bereich. Erst die Thematisierung von solchen Zusammenhängen und möglichen Zielkonflikten ermöglichen vernetztes Lernen. Komplexes muss als Komplexes behandelt werden. Gleiches gilt in Hinblick auf die Auswirkungen heutiger Entscheidungen und Geschehnissen auf künftige Generationen, sowie auf die derzeitige Generation in anderen Regionen der Erde. Im Kern geht es um Analysefähigkeiten von hoch komplexen Zusammenhängen.

Visionsorientierung

Trotz aller derzeitigen Probleme, Krisen und Dilemmata ist die Grundidee einer nachhaltigen Entwicklung ein optimistische. Eine bessere Welt für alle heute und künftig ist möglich. Hierfür ist es notwendig handlungsleitende Visionen einer positiven Zukunft zu entwickeln. Visionen zu entwickeln, die Problemlagen nicht einfach ausblenden, erfordert kreatives und innovatives Denken. Dieses kann nicht einfach als Wissen vermittelt, sondern nur in einer aktiven Auseinandersetzung mit Inhalten erworben werden. Damit Visionen auch handlungsleitend werden können, müssen sie auf konkrete Handlungen bezogen und vor allem kollektiv geteilt werden. Während es beim vernetzten Lernen darum geht Antworten auf die Frage „Wie ist etwas?“ geht, steht die Frage „Wie soll etwas sein?“ bei der Visionsorientierung im Vordergrund.

Handlungs- und Reflexionsorientierung

Eine gemeinsame Vision kann aber nur entstehen, wenn sich die Beteiligten mit ihren jeweiligen Sichtweisen abstimmen und einigen. Was sind die Werte und Denkweisen anderer und vor allem was sind die eigenen Werte und Denkweisen? Diese Reflexionen gilt es mit der Entwicklung möglicher Handlungsoptionen zu verbinden. Wie lassen sich die unterschiedlichen Ziele und Werte verbinden und in konkrete Handlungen für eine nachhaltige Entwicklung überführen? Damit steht dieser Aspekt direkt mit der Partizipationsorientierung in Verbindung.

Partizipationsorientierung

Wesentlicher Kern von Partizipation ist die Interaktion und der Informationsaustausch. Nur über diese Prozesse ist es den Beteiligten möglich auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen und kollektive Entscheidungen zu treffen. Erst wenn die Beteiligten an Entscheidungen real beteiligt werden, kann auch erwartet werden, dass diese die Folgen der Entscheidungen mittragen. (vgl. Künzli David/Kaufmann-Hayoz 2008). Sich aktiv und konstruktiv einzubringen, ist eine Kompetenz, die nur über Handlungen erlangt werden kann. Somit ist es wesentlich, Möglichkeiten und Räume für Partizipation und Beteiligung bereitzustellen. Dies betrifft aktivierende Methoden wie z.B. Service-Learning-Projekte, Zukunftswerkstätten, Fisch-Bowl-Diskussionen, forschendes Lernen, Systemspiele usw. (vgl. Rieckmann 2021, S. 14) innerhalb der Lernsituation. Aber auch die Lernsituation selbst bietet Partizipationsmöglichkeiten, wenn die Betreffenden an der inhaltlichen, methodischen und didaktischen Gestaltung beteiligt werden.

Fazit

Vergleicht man diese Prinzipien von Bildung für nachhaltige Entwicklung mit der Realität von Bildungsangeboten, wird man feststellen, dass gemessen an der Gesamtzahl, nur wenige Bildungsangebote all diese Kriterien erfüllen, aber sich eine Großzahl an Bildungsangeboten finden lässt, die Teilaspekte von BNE beinhalten. Wir schlagen an dieser Stelle eine Differenzierung zwischen BNE-Bildungsangeboten und Bildungsangeboten im Feld von BNE vor. Dies hat nicht zum Ziel Bildungsangebote besser oder schlechter zu bewerten. Viele Bildungsangebote verfolgen andere berechtigte Bildungsziele. Vielmehr geht es darum, das Augenmerk auf potenzielle Entwicklungsmöglichkeiten zu lenken.

Ein Beispiel

Eine reine Infoveranstaltung zur korrekten Mülltrennung wäre vor dem Hintergrund des bisher Ausgeführten noch kein BNE-Bildungsangebot. Es wäre aber definitiv ein Bildungsangebot im Feld von BNE. Erst eine Thematisierung zum Beispiel der Fragen: Warum Mülltrennung? Welche Auswirkung hat die eine oder die andere Art der Mülltrennung auf andere ökologische, ökonomische und soziale Aspekte? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Menschen in anderen Gegenden der Erde und für künftige Generationen? Welche unterschiedlichen Sichtweisen auf Mülltrennung gibt es? Was ist die eigene Sicht auf Mülltrennung? Welche Mülltrennung wollen wir? usw.

Bei genauerem Überlegen ist häufig schnell feststellbar, dass die Integration der oben fehlenden Aspekte mit relativ geringem Aufwand möglich ist und somit eine Entwicklung von einem Bildungsangebot im Feld einer BNE hin zu einem BNE-Bildungsangebot.

Ob und wie konkret die Umsetzung zu bewerkstelligen ist, und ob dies überhaupt in jedem Einzelfall wünschenswert ist, ist eine offene, im Kontext von nachhaltiger Entwicklung stets neu gemeinsam zu beantwortende Frage.

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Dr. Jörg Eulenberger

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Literatur

de Haan, Gerhard (2002): Die Kernthemen der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. In: ZEP : Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 25. Jg., Nr. 1, S. 13-20

Hauff, Volker (1987): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Greven

Künzli David, Christine/ Kaufmann-Hayoz, Ruth (2008): Bildung für eine Nachhaltige Entwicklung – Konzeptionelle Grundlagen, didaktische Ausgestaltung und Umsetzung. In: Umweltpsychologie, 12. Jg., Nr. 2, S. 9-28

Rieckmann, Marco (2021): Bildung für nachhaltige Entwicklung. Ziele, didaktische Prinzipien und Methoden. In: merz-Zeitschrift für Medienpädagogik, 65. Jg., Nr. 04, S. 10-17

13. Mai 2022 | Dr. Jörg Eulenberger
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